Damit wir uns von Anfang an richtig verstehen: ich habe selbst eine kuschelige Diagnoseliste und unplüschige Dachschäden, und ich kannte und kenne Menschen, deren Diagnoseliste ist so lang, dass sie bei Beratungsgesprächen nur noch ihre Nichtschäden angeben. Das ist jetzt nicht so oberknorke, aber man arrangiert sich halt, nech? Hab ich gedacht.
Ja, das Internet ist ein Segen und ein Fluch, die Diskussion wurde geführt, zerkaut, ausgespuckt und als abgeschlossen erklärt. Es bietet einzelnen Gruppierungen je nach Geschmack total schnuffige oder böse böse gruftige Plattformen und ist auch in jeder anderen Hinsicht ein super Spielplatz – und vor allem ein Nährboden für Selbsthilfeforen aller Art.
Da gibt es Foren für hornbrillige Stricklieseln, die diese seltsame Masche einfach nicht auf die Nadel bekommen, Foren für Aquarienbesitzer mit depressiven Kaulquappen und ganze Universen für missverstandene Teenager. Und es gibt Foren für Dachschädenbesitzer.
Als “stolzer” Anhänger letzterer Gruppe kommt man da viel herum und geht irgendwann genervt aus jedem einzelnen wieder heraus, weil Foren für Menschen mit psychischen Erkrankungen immer – ich betone immer – ganz bestimmte Leute anziehen. Aber fangen wir von vorne an.
Es gibt mittlerweile standardmäßig ein paar Richtlinien zum Userschutz, die für solche Foren typisch sind (ach, damals, zu meiner Zeit, jaja, da war das noch anders *mit Omazeigefinger wackel*) – geschlossene Bereiche auf Bewerbung, verbotene Usernamen, Triggerrichtlinien und sogenannte Splats. Splats sind total sinnvolle Erfindungen von total klugen Leuten die soweit denken können, dass ich tooootal beeindruckt bin.
Nicht.
Ein Splat bedeutet, dass man z.B. das Wort Blut nicht schreiben darf – weil, könnte ja triggern, ne? – aber Bl*t durchaus, weil das versteht dann ja niemand. Klar. Das kann dann zum Teil darin ausarten, d*ss g*nz* Thr**ds v*r*nst*lt*t w*rd*n *nd n**m*nd m*hr v*rst*ht, w*s m*n **g*ntl*ch s*g*n w*ll. Weil unsere Gehirne auch nicht darauf ausgelegt sind, Worte schon auf Anfangs- und Endbuchstaben zu erkennen. Wir sind ja alle doof und das ist vooooll knorke!
Es gibt auch Richtlinien, die sinnvoll sind – keine Darstellung von Gewaltszenen, Waffen, Blut, etc. auf Avataren. Triggergefahr (“getriggert werden” bedeutet schlichtweg, durch einen Reiz an Negativerfahrung erinnert zu werden, die im schlimmsten Fall zu sog. “Flashbacks” führen). Okay. Nehm ich hin. Soweit finde auch ich Selbsthilfeforen noch ultraplüschig.
Wir haben also die Plattformen, Techniken und die Richtlinien. Und dann gibt es da die User. Und die sind so plüschig, dass sogar einem Furby auf einem Flokatiteppisch schlecht wird – und das ist gar nicht mehr obermegasupifein.
(via deviantart)
Es scheint sich eine Attitüde in der Subkategorie “dezent gestörte Daseinsformen” (kurz: d.g.D.) auszubreiten, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: “a) ich hab vor allem Angst, b) meine Angst ist prinzipiell größer als deine und c) wenn du mich nicht bauchpinselst, geh ich eben zu den Admins, äääätsch!”
Die natürliche Reaktion auf ein solches Verhalten ist ein undeutbares Lächeln und ein “ooooch, duziduzidu!” – das kann man allerdings leider nicht mehr anwenden, wenn man sich bewusst wird, dass diese Ansicht langsam aber sicher Normalzustand geworden zu sein scheint.
Da gibt es Foren, in deren Avatarrichtlinien Abbildungen von Augen und Händen verboten sind, Foren in denen man kein Bild von einem Tier hochladen kann, ohne dass nicht mindestens ein User furchtbar getriggert von dem Rosaplüschkanninchen ist, Foren in denen man also am besten alle Mitglieder vorher einzeln befragen sollte, ob XY wirklich den pinken Elefanten mit Glitzerkrönchen benutzen darf.
Im Prinzip bist du als d.g.D. sofort total uncool, wenn du nicht mindestens drei andere User aufgefordert hast, ihren Avatar zu ändern, weil dich etwa 60 Motive massiv und weitere 125 mäßig durch Trigger Island jagen, wenn du nicht automatisch alle Störungsbilder adaptierst, die ein anderer User hat (obwohl du sie schon viel länger und viel schlimmer hast) und wenn du nicht mindestens sieben Mal im Monat einen Thread eröffnest, indem du dich darüber beklagst – na, kommt, ihr wisst es! genau. – wie triggernd die furchtbare Welt da draußen doch ist.
Kritischer Austausch? Wie unplüschig! Pfff.
Schau du mal lieber bei den strickenden Aquarianern vorbei.
