Freifahrtschein für die Post?

Dass wir in einer Servicewüste leben, wissen wir. Das ist nichts Neues, und im Grunde haben wir uns doch alle längst daran gewöhnt. Es gibt Bereiche, in denen es auch einfach ist, damit umzugehen. In einer bestimmten Kette arbeiten chronisch schlecht gelaunte Mitarbeiter? Fein, dann nimmt man eine andere. Daran habe ich mich gewöhnt. Ich für meinen Teil boykottiere Schlecker und bin froh, dass es noch andere Drogeriemärkte gibt. Es ist mir herzlich egal, dass die Mitarbeiter dort unterbezahlt und überarbeitet sind – sie sind Dienstleister und als solche haben sie sich mir gegenüber zu verhalten. Tun sie nicht. Also eben Rossmann. Oder DM. Oder wie sie alle heißen. Sicherlich ärgert man sich kurzzeitig, aber dann sucht man eben einen anderen Laden auf, weil es in diesen Bereichen schlichtweg möglich ist. Wirklich ausgeliefert ist man bei Monopolen.
Ich habe mich gestern herzlich über die deutsche Post geärgert. Im Grunde ist das nicht einmal einen Eintrag wert, hätte ich nicht eben einen Blogartikel gelesen, der mich wirklich mitgenommen hat und auf den ich später nocheinmal zurückkommen werde.
Gestern Nachmittag klingelte es und aus der Gegensprechanlage dröhnte nach meinem kurzen “Ja?” ein knappes, recht harsches “Post. Paket.” Nun werden die Herren und Damen auch nicht für grammatikalisch vollständige Sätze bezahlt, ich zuckte also die Schultern, drückte auf den Türknopf und wartete. Ich wohne im zweiten Stock und es ist mir schon zweimal passiert, dass sich ein Postbote beim Ankommen an meiner Wohnungstür darüber beschwerte, ich sei ihm nicht entgegengekommen – einmal trotz wirklich schweren Pakets und meinem offensichtlich gebrochenen, weil eingegipsten Arms. Da fällt einem relativ wenig zu ein. Im Grunde muss ich dankbar sein, dass sie überhaupt ein paar Stufen gestiegen sind. Denn das sah der gestrige Kollege anscheinend gar nicht ein. Ich stand also an meiner Tür, wartete eine ewig gefühlte, halbe Minute und es erklang nicht ein Schritt auf der Treppe. Also hetzte ich, meinen Wohnungsschlüssel zu suchen, knallte die Tür hinter mir zu und ging hinunter. Unten stand er dann. Auf der ersten Stufe. Ein äußerst griesgrämiger, korpulenter Herr [und wäre ich gemein würde ich anmerken, dass ihm das Treppensteigen wirklich nicht geschadet hätte], der sich nichteinmal zu einem höflichen Guten Tag herabließ, sondern eiskalt schweigend und verbissen meine Päckchen in der Hand hielt. Brav nahm ich sie ihm ab, unterschrieb die Annahmebestätigung und wollte mich (weil zumindest meine Mutter mich gut erzogen hat) gerade freundlich verabschieden, als ich mir noch einen bissigen Seitenhieb einfuhr, das nächste Mal schneller unten zu sein, bevor er sich umdrehte und mich verdutzt dreinguckend stehen ließ.
Nun kann man sich fragen, was denn schon dabei sei. Ich bin weder alt noch gebrechlich und mir bricht auch kein Zacken aus der Krone, jemandem entgegenzugehen. Aber was, wenn ich es wäre? Wenn ich 86 und rheumageplagt wäre, Glasknochen hätte? Zeitlich betrachtet hatte ich gar keine Chance, in die Gegensprecheinlage ein “Bitte, könnten Sie hochkommen?” zu hauchen.
Das war jedoch ein vergleichsweise geringer Grund zum Ärger. Was mich wirklich aufrichtig schockierte war das Verhalten eines Postboten, dass ich auf Anke Gröners Blog lesen musste – ein Postbote, der ihr das Paket erst überreichte, nachdem er sie auf demütigende Art und Weise zwang, darum zu bitten. Kommentare fallen mir dazu keine mehr ein. Am Schlimmsten ist wohl, dass diese Menschen wissen, dass sie es sich leisten können. Weil wir auf sie angewiesen sind. Weil es zwar alternative Paketzusteller gibt, die aber lange nicht so vertreten sind und weil leider der Absender und nicht der Empfänger entscheidet, welches Unternehmen er wählt. Anke selbst schrieb so wunderbar finit: “Wenn das ein Pizzabote gewesen wäre, würde ich bei dem Laden nie wieder was bestellen. Bei der Post habe ich diese Möglichkeit leider nicht.” Ohne Worte.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.