Hinweise für Allergiker: Der folgendende Artikel kann Spuren von Polemik, Präjudiz und Sarkasmus enthalten. Der Autor distanziert sich von der Erzählinstanz.
Das ist die Sandy.
Die Sandy sieht ein bisschen aus, als käme sie aus dem Ghetto, tut sie aber nicht. Die Sandy hat nämlich Abitur und sie weiß sogar, wie man das schreibt. Jetzt geht die Sandy auf die Universität. Die Sandy will nämlich Lehrerin werden und weil sie eigentlich nichts kann, studiert sie jetzt Deutsch und Englisch. Glaubt ihr nicht, ist aber so.
Dass die Sandy Lehramt studiert, merkt man nicht nur an ihrer Kleidung – die Sandy ist nämlich nicht nur modebewusst, sondern auch blöd. Deshalb mag die Sandy die Pädagogikseminare am liebsten, da fällt das nämlich gar nicht auf. Jetzt ist die Sandy schon im dritten Semester und hat immernoch nichts gelernt, aber das findet die Sandy gar nicht schlimm, weil sie sich trotzdem ganz doll schlau findet.
Wenn die Sandy gerade nicht lernt, wie man mit Kindern Plakate bastelt, dann ist die Sandy sehr bemüht, ihr theoretisches Wissen in die Praxis zu übertragen. Und da die Sandy eigentlich gar keine Kinder mag, sondern eben nur Lehramt studiert, weil ihr nichts besseres eingefallen ist, erprobt sie ihre Fähigkeiten an ihren Kommilitonen. Und wie die das so finden, das zeigen wir euch jetzt.
Es ist Freitag morgen und ich quäle mich zur Uni. Da ist schon der erste Fehler. Der zweite wird sein, keine Waffe mitgenommen zu haben. Aber das denke ich natürlich nur klammheimlich, denn eigentlich bin ich ein pazifistischer Mensch. Die ganze Woche war sinnfrei. Die Vorlesungen waren so langweilig und uninformativ, dass die meisten Ablenkungen nicht halfen. Kein Sudoku, kein Hangman, nichtmal das beliebte Wer-studiert-Lehramt-Raten, weil es diese Woche Dank Nagellackduft im Hörsaal noch offensichtlicher war als die gesamten letzten Semester. Und jetzt also dieses Seminar. Dieses Seminar, das wir nur noch mit Morphium und Schokolade überstehen. Sie halten Referat. Wir wussten, dass das früher oder später passieren musste. Sie haben uns die ganzen letzten Semester mit ihrer Inkompetenz gequält. Aber heute werden sie sich selber toppen. Sandy, Caro und Lisa. Da sitzen sie. Ja, sie sitzen. Es ist egal, dass man sie kaum versteht (was ohnehin ein Segen ist), denn sie haben gelernt, dass man sich so besser in die Gruppe integriert, sich alle gleichwertig fühlen und deshalb mehr Beteiligung zustande kommen wird. Sie sitzen da, mit ihren bunten Karteikarten, das perfekte Lächeln in ein perfektes Makeup gekleidet und die perfekten Haare zu einer perfekten Frisur verarbeitet – nicht zu lässig, nicht zu streng. Sie müssen sich ja integrieren.
Es beginnt mit einer Powerpoint-Präsentation. Es beginnt immer mit einer Powerpoint-Präsentation. Eine, von der man eins zu eins den Vortrag ablesen kann. Das ist fatal, weil man jetzt leider doch mitbekommt, was sie erzählen, und dabei hat man sich schon so gefreut, sie der Gruppendynamik sei dank ignorieren zu können. Ich weiß nicht, ob der Vortrag das schlimmste sein wird, was sie heute fabrizieren. Ich will es nicht wissen. Ich will weg, fliehen, rennen, so lange ich noch kann – doch sie beginnen.
„Erstmal wollen wir euch ganz lieb zu unserem Vortrag … begrüßen.“
Das angestrengte Wegstarren vom Beamer verhindert wenigstens, dass man alles mitbekommt.
„…geboren. Er hatte eine total schlimme Kindheit.“
Bitte, bitte nicht.
„…in dem Text ja auch geschildert. Der Autor ist allwissend und..“
Erzähler, Erzähler, komm schon, wir waren im gleichen Einführungsseminar, das musst du doch wissen.
„…deshalb auch der Neoromantik zuzuordnen. Zu der gehört ja auch der Expressionismus.“
Ich spüre wie meine Gedärme sich winden und verknoten. Den Rest des Vortrags bin ich zu sehr mit meinen psychosomatischen Reaktionen beschäftigt um mehr mitzubekommen. Dann hören sie auf. Durchatmen. Geschafft, überstanden, kontrollieren des Pulsschlags: Ja, hoch, aber noch lebendig. Puh. Und dann:
„Und jetzt machen wir Gruppenarbeit!“
Nein.. Nein, nein nein nein nein!
„Wir gehen jetzt rum und ihr bekommt Blätter in verschiedenen Farben. Ihr schreibt darauf auf, was der Charakter in dem Buch fühlt, wie es ihm so geht und die Situationen dazu. Und das ordnet ihr dann passend zu den Farben an. Also Liebe kommt zum Beispiel auf das rote Blatt und..“
Mir wird schwarz vor Augen.
